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Referenten

Hauptreferat 1 – Do, 13. September – 09.00 – 10.00

Prof. Dr. Michael Schulz

Psychiatrische Pflege im 21. Jahrhundert: Veränderte Wege der Patienten bedürfen einer gewandelten Rolle der Pflege.

Prof. Dr. Michael Schulz
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Bielefeld

Kurzabstract

Pflege fokussiert auf die Folgen von Krankheit und nimmt damit  zunehmend die direkte Lebensumwelt der Betroffenen den Fokus. Der Weg zu einem  bedarfsgerechter Wandel der Pflege und damit einhergehend ein zukunftsfähiges Berufsprofil Psychiatrischer Pflege darf hier nicht rein ökonomischen Mechanismen gehorchen sondern muss auf der Grundlage theoretischer Überlegungen Versorgungsstrukturen und Expertise zur Prävention und Linderung Psychischer Erkrankung von Betroffenen und deren direkten Bezugspersonen bereithalten. Im Rahmen des Vortrags wird unter anderem auf Modelle zum Verständnis langfristiger Krankheitsverläufe (z.B. dem Corbin-Strauss-Pflegemodell) und auf das  Recoverykonzept in der Verbindung zu evidenzbasierten Vorgehensweisen eingegangen.

Deutsch mit Simultanübersetzung Französisch

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Hauptreferat 2 – Do, 13. September – 13.30 – 14.30

Prof. Jacques Besson

Wege der Suchtbehandlung

Prof. Jacques Besson
CHUV centre hospitalier universitaire vaudois

Kurzabstract

Suchtkrankheiten sind eine Herausforderung für das Gesundheitswesen und die psychische Gesundheit. Welche Rolle kommt der Psychiatrie im interdisziplinären Ansatz der 4-Säulen-Politik der Schweiz zu? Seit ungefähr fünfzehn Jahren hat sich das Interesse von den Substanzen zu den Personen hin verlagert: Es geht darum, vom moralischen zum klinischen und wissenschaftlichen Urteil überzugehen.
Auf der Ebene der sanitären und institutionellen Organisation erlaubt die Vernetzung der auf dem Gebiet der Suchtkrankheiten Beteiligten, den Patienten gemäss seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen in der Logik seines Genesungsprozesses zu begleiten. Der Kanton Waadt hat ein solches Indikations- dispositiv für Alkohol- und Drogenprobleme eingeführt.
Ausserdem verfügen wir dank der Fortschritte der Neurowissenschaften auch über viel mehr Kenntnisse auf dem Gebiet der Psychiatrie der Abhängigkeiten. So gehören die Epidemiologie der psychiatrischen Co-Morbiditäten, die Genetik, die funktionelle Magnetresonanzbildgebung oder die Psychophysiologie zu den wissenschaflichen Grundlagen der Addiktologie et ermöglichen eine bessere individuelle Anpassung der Behandlung.

Besonders wichtig ist für Kliniker die Rolle der psychotraumatischen Vorgeschichte beim Entstehen der Suchtkrankheiten. Neue neurobiologische Kenntnisse über die Beziehungen zwischen Stress, Trauma und Abhängigkeit rechtfertigen das Überdenken des Pflegeprozesses, von der Strasse bis hin zur Genesung in der Gemeinschaft. Ein neues phasenorientiertes Behandlungsprogramm wird zur Zeit in der Abteilung für gemeinschaftsorientiert Psychiatrie im CHUV in Lausanne eingeführt.

Französisch mit Simultanübersetzung Deutsch

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Hauptreferat 3 – Do, 13. September - 16.30 – 17.30

Dr. Alfred J.GebertÜber Tests vorläufiges Wissen für neue Patientenpfade gewinnen

Dr. Alfred J.Gebert
GDK

Kurzabstract

Diskursiv gestaltete Weiterentwicklung der Gesundheitspolitik scheint aktuell weit-gehend ausgeschlossen. Um dies zu ändern, wird vorgeschlagen, einen Experimentierartikel in das KVG (oder in die Verordnung) einzufügen.

Anstoss dazu bieten die bis jetzt gut 60 durchgeführten Medicare-Demonstrations. (Beispiele dieser Tests aus der Heimversorgung, den erweiterten Spitex-Diensten, Leistungsverpflichtungen niedergelassener Ärzte, Managed Care und finanzielle An-reize für Spitäler werden skizziert.)

Dieses Lernen aus Versuchen möchte – unter anderen Konditionen – auch im “Laboratorium Schweiz” (26 Kantone) realisiert werden. Es wird angetönt, wo dies in der jüngeren Vergangenheit verpasst wurde, um dann zu zeigen, dass durch laufende Modellprogramme in der psychiatrischen Versorgung erste Schritt schon realisiert werden. Besseres wird u.a. durch die Behebung aktueller Schranken resultieren. Gemeinsames Lernen soll über die Zeit das Meinen in der Gesundheitspolitik teilweise beheben.

Deutsch mit Simultanübersetzung Französisch

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Hauptreferat 4 – Fr, 14. September – 09.00 – 10.00

Prof. Dr. Wulf Rössler

Können wir die psychiatrische Versorgung wirklich planen?

Prof. Dr. Wulf Rössler
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich

Kurzabstract

Die psychiatrische Versorgung hat sich tiefgreifend geändert. Wenn auch die grossen Trends in den modernen Industriestaaten alle in eine vergleichbare Richtung weisen, zeigen sich nicht nur im nationalen Vergleich sondern bereits im regionalen Vergleich beträchtliche  institutionelle Unterschiede. Dies gilt auch für die psychiatrische Versorgung in der Schweiz. Es liegt nahe zu glauben, dass die Planungsprozesse vorrangig durch politische Interessen gesteuert werden. Es stellt sich deshalb die Frage, wie denn Planungsprozesse in der Gesundheitsversorgung ablaufen (sollten), um die Gesundheitsversorgung bedarfsgerecht auf einer rationalen, d.h. empirischen Basis zu entwickeln.

Eine rationale Gesundheitsplanung erfasst in einem ersten Schritt die Häufigkeit seelischer Störungen in der Bevölkerung. Es folgt die Ermittlung der Häufigkeit der Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten aufgrund dieser Störungen. Die Verwirklichung einer „bedarfsgerechten psychiatrischen Versorgung“ beinhaltet aber nicht nur, dass behandlungsbedürftige Personen eine Behandlung erhalten, sondern auch, dass bisher unzulänglich behandelte Personen eine angemessene Behandlung erhalten.

Zur Bedarfserhebung bietet uns aber die psychiatrische Epidemiologie keine hinreichend valide Planungsgrundlage. Die vorhandenen Zahlen weisen eine so grosse Streubreite auf, dass sie als Planungsgrundlage ungeeignet sind. Weiter schliesst die kategoriale Diagnosestellung die für die Gesundheitsversorgung relevante Gruppe von Patienten mit subklinischen Störungen aus unseren Planungsüberlegungen aus. Und zuletzt stehen wir vor dem Problem, dass mit jeder Revision der gängigen Klassifikationssysteme Diagnosen abgeschafft werden oder neu hinzukommen.

Die Inanspruchnahme ihrerseits ist von einer Reihe sozialer Einflussfaktoren gesteuert, die darüber hinausreichen, ob eine bestimmte Störung vorhanden ist oder nicht. Sie liegen teilweise in den Individuen selbst, wie sie ihre Störung beurteilen, ob sie glauben, dass ihnen geholfen werden kann, ob die entsprechenden Hilfemöglichkeiten vorhanden sind oder welchen persönlichen Einsatz sie leisten müssen, um die Hilfe zu erlangen. Teilweise liegen die Einflussfaktoren auch außerhalb der betroffenen Personen, nämlich in ihren sozialen und ökologischen Lebensbedingungen.

Es sind diese und ähnliche Probleme, die in der Tat Zweifel aufkommen lassen, ob die Versorgung in jeder Hinsicht rational planbar ist oder sein kann. In diesem Referat soll aufgezeigt werden, ob und welche alternativen Planungsprozesse es geben kann.

Deutsch mit Simultanübersetzung Französisch

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Hauptreferat 5 – Fr, 14. September – 15.30 – 16.30

Prof. Dr. Saïda DOUKI DEDIEU

Psychische Gesundheit der Frauen:
Die Last der Diskriminierung


Prof. Dr. Saïda DOUKI DEDIEU
Universität Lyon & Tunis

Kurzabstract

Sämtliche epidemiologische Studien zeigen, dass Frauen einen hohen Preis für psychische Pathologien zahlen. Dieses erhöhte Morbiditätsrisiko scheint jedoch weniger mit ihrer biologischen Beschaffenheit zusammenzuhängen als vielmehr mit dem Status, welcher ihr vielerorts, vor allem in den sehr traditionellen Gesellschaften, weiterhin zugedacht wird. Mit anderen Worten erklärt sich ihre Verletzlichkeit ebenso durch geschlechtsspezifische als auch durch gendergebundene Ungleichheiten. In einem Bericht der WHO aus dem Jahr 1998 steht denn auch: "Die Gesundheit der Frauen ist eng verbunden mit ihrem Platz in der Gesellschaft; sie zieht Nutzen aus der Gleichheit und leidet unter Diskrimierung". Trotz ganz eindeutiger Fortschritte auf dem Gebiet der Gleichheit der Geschlechter kämpfen vor allem Frauen mit Angstzuständen.

Wir werden nacheinander alle Lebenssituationen einer Frau betrachten, die alle psychische Störungen mit sich bringen können: Unerwünschte Geburt, strenge Erziehung, beschränkte Schulbildung, Keuschheitsgebot, eingewilligte oder aufgezwungene arrangierte Ehe, Verurteilung von Lust und Vergnügen, Fruchtbarkeitsdruck, Sterilitätsfluch, Drohung der Verstossung, Zwangsarbeit, verharmloste oder gar bagatellisierte Gewalt, Wechseljahre, die, anstatt diesem Kreuzweg ein Ende zu setzen, die auf Arabisch sogenannten „Jahre der Hoffnungslosigkeit“ einläuten und Einsamkeit im Alter. Wir werden diese Stressfaktoren durch Studien, welche die pathogenen Auswirkungen belegen, veranschaulichen. Aber die weiblichen Ängste betreffen auch und vor allem die Zukunft, die sich für Frauen immer düsterer anlässt angesichts der gewaltigen Flutwelle, die in der islamischen Welt der Emanzipation ein jähes Ende setzen könnte. Zudem hält sich der Widerstand gegen die Gleichheit der Geschlechter hartnäckig, selbst in fortgeschrittenen Ländern. Der islamische Schleier ist diesbezüglich symbolträchtig. In diesem Umfeld, wo die Frauenfrage einmal mehr im Brennpunkt steht, weil sie in vielen Ländern die nationale Debatte über das Gesellschaftsprojekt widerspiegelt, haben wir beschlossen, unsere Überlegungen und Fragen zur Entwicklung der vom Vormarsch der Religion scheinbar schwer belasteten Frau anzusiedeln. Es geht hier nicht um Gleichheit oder Ungleichheit der Geschlechter. Die eigentliche Frage ist, warum die Hierarchie der Geschlechter sich weiter hält, trotz aller Veränderungen im Laufe der Geschichte. Natürlich rechtfertigt in der Lehre des Korans nichts den heutigen Stand der Frau in vielen islamischen Ländern. Ebenso klar ist, dass die Ursprünge dieses verbissenen Widerstandes gegen die Emanzipation der Frauen in der, zum Teil durch die Religion gerechtfertigte, als patriachalisch bezeichnete Ideologie zu suchen sind. Es bleibt uns also nichts anderes übrig als uns an die Frauen selbst zu richten, die als Mütter entscheidend dazu beitragen, eben besagte patriarchalische Werte weiterzugeben, und uns zu fragen, ob sie nicht selbst, bewusst oder unbewusst, aktiv an ihrer eigenen Ausgrenzung mitarbeiten.

Französisch mit Simultanübersetzung Deutsch

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Referat – 4-Ländersymposium – Fr, 14. September – 10.30 – 12.30

Dr. phil. Niklas BaerArbeitsplatzerhalt und Wiedereingliederung bei Menschen mit psychischen Problemen - Herausforderungen und Potentiale für die Ärzteschaft
Dr. phil. Niklas Baer
Leiter Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation
Psychiatrie Baselland

Kurzabstract

Die Invalidisierungen aus psychischen Gründen haben in der Schweiz wie in den meisten anderen Industriestaaten in den letzten 20 Jahren stetig und stark zugenommen, obwohl nicht von einer epidemiologischen Zunahme psychischer Erkrankungen auszugehen ist. Heute wird in der Schweiz rund jede zweite neue IV-Rente aus psychischen Gründen gesprochen.

Die individuelle, gesellschaftliche und ökonomische Belastung durch die bisher meist permanente Exklusion von heute rund 100'000 psychisch kranken Menschen aus dem Arbeitsleben ist enorm. Hinzu kommt die ebenfalls steigende und zahlenmässig sowie auch ökonomisch noch viel grössere Belastung durch Arbeitnehmer mit Arbeitsabsenzen, verringerter Produktivität und belastetem Arbeitsumfeld infolge psychischer Probleme.

Verschiedene krankheitsspezifische, verfahrensbezogene, gesellschaftliche und betriebliche Faktoren tragen zur Problematik bei. Psychische Krankheiten beginnen früh und können auch bei geringerem Schweregrad häufig sehr behindernd sein. Viele Betroffene verschweigen ihr Leiden infolge der enormen Stigmatisierung psychischer Krankheiten, was dazu beiträgt, dass ein grosser Teil der Betroffenen gar nicht oder erst spät Behandlung aufsucht. Arbeitgeber sind mit psychisch erkrankten Mitarbeitenden häufig überfordert und finden zu wenig nützliche Hilfe.

Anhand von Resultaten von Untersuchungen aus der Schweiz - zum einen einer detaillierten und repräsentativen Analyse von Dossiers von IV-Rentnern aus psychogenen Gründen und zum anderen einer Befragung von rund 1'000 Vorgesetzten zum Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitenden - sowie eines aktuellen Berichts der OECD ("Sick on the Job - Myths and Realities about Mental Health and Work") werden einige zentrale Probleme aufgezeigt und Hinweise für Interventionsmöglichkeiten gegeben.

Die aktuelle und mögliche künftige Rolle der behandelnden und begutachtenden Ärzte wird dabei speziell fokussiert.

Deutsch mit Simultanübersetzung Französisch

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